Moment mal!

Die Christkind-Lüge

Seit ich denken kann bringt uns das Christkind an Heiligabend die Geschenke. Es hat keine festgelegte Gestalt und auch kein definiertes Geschlecht. Es kommt engelsgleich und mit Zaubermagie durch einen Spalt in Fenster oder Tür in das verschlossene Wohnzimmer. Es dekoriert Geschenke und zündet Kerzen an, ohne dabei einen Laut von sich zu geben. Motiviert wird es durch kindlichen Gesang der nervös und laut aus der Küche klingt. Dann verschwindet es genauso zauberhaft und ungesehen, wie es gekommen ist. Aber nicht ohne sich durch ein Glockenklingeln doch noch kurz bemerkbar zu machen. „Liebe Familie, es ist so weit. Ich habe euch im Wohnzimmer eine kleine Überraschung bereitet.“

 

So halten wir es auch für unsere Kinder. Wir investieren gerne in kleine verzauberte Lügen, um diese Weihnachsmagie für die Mädels zu erhalten. Aber jedes Jahr zur Weihnachtszeit werden auch gegnerische Stimmen laut.

Das Kind bewusst anlügen? Ist das nicht Machtmissbrauch? Wird so das Eltern-Kind-Vertrauen beschädigt?

Und tatsächlich bestätigen unter anderem die Psychologen McKay und Boyle 2016: Diese Lüge schwächt das Urvertrauen. Schließlich fänden alle Kinder irgendwann heraus, dass ihre Eltern sie unverfroren über Jahre hinweg frech für dumm verkauft haben. Dann würden sich die Kinder schnell fragen, in welchen Bereichen die Eltern noch gelogen haben könnten. Das Vertrauen in die Eltern bekommt einen bösen Knacks. Zudem sei die Geschichte einer geheimen Station am Nordpol, an der über brav und unartig entschieden wird ebenso erschreckend, wie der Zustand, dass sich eben diese geheime Person einfach Zugang zum sicheren Heim schaffen kann. (Sie bezogen sich in ihrer Studie auf den Weihnachtsmann).

Eine Studie der MIT besagt weiterhin, dass Kinder durch diese erste große elterliche Lüge selbst zum Lügen neigen inspiriert würden und dazu neigen beim Spielen eher zu betrügen.

 

Zwar kann ich (Disclaimer) kein Psychologiestudium vorweisen, jedoch verfüge ich über eine große Portion Skepsis. Ich habe ein paar Fragen dazu für mich beantwortet.

Engel
Geht es hier wirklich um eine Lüge?

Für die Menschheit sind Märchen seit jeher ein  Gegenpol zur rationalen Weltansicht. Illusionen sind – ebenso wie das aufgeklärte Denken – ein Teil unserer menschlichen Entwicklung. Besonders Mythen haben eine lange Tradition, denn sie vermitteln den Menschen Heimatgefühle und Sicherheit.

Ein schlichtes Beispiel gefälligt? Wer von uns sachlich denkenden Erwachsenen hat sich schon eimal etwas gewünscht, wenn am Himmel eine Sternschnuppe auftaucht? Ich brauche euch sicher nicht darüber aufzuklären, dass dem sterbenden Kometen eurer Wunsch ganz schnurzpiepegal ist. Und dennoch fühlt es sich gut an eine Sternschnuppe zu entdecken und ganz fest an einen geheimen Wunsch zu denken.

Die Sache mit dem Christkind ist meiner Meinung nach genau so ein Mythus, der ein Gefühl von Heimat und Wärme vermittelt und schöne Erinnerungen schafft. Zu einer Lüge wird es, wenn Eltern trotz Nachfrage und Unsicherheit bei den Kleinen darauf beharren, dass die Figur tatsächlich existiert. Wenn Eltern nicht akzeptieren wollen, dass die Kinder nicht mehr an Weihnachtsmann oder Christkind glauben wollen.

Ist diese Fantasie schädlich?

Die Geschichte vom Christkind schadet niemandem. Vielmehr fördert sie beim Kind Kreativität und Fantasie. Geschichten sind sehr wichtig für Kinder. Mit Hilfe von Geschichten und Bildern können Kinder bekanntlich Emotionen besser verarbeiten. Es gibt Bilderbücher über Bären, die heute besonders unzufrieden sind, über Eulen, die grundlos heulen und über ein Waschbär-Pärchen, dass mit großer Zuneigung einen verloren gegangenen Elefanten aufnimmt. Und es gibt das Christkind, das alle Kinder auf der Welt gleichermaßen liebt. (Okayokay, da gibt es bei dem eigentlich christlichen Fest noch die Sache mit der Religionszugehörigkeit, aber das ist kein Thema für momenttalent.)

Was passiert, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.

Vermutlich nichts. Vermutlich sind die Eltern in dem Fall trauriger als die Kinder. Für unsere Kinder ist es Teil des Entwicklungsprozesses, Geschichten nach und nach aufzudecken und zu verstehen. Sie sind  eher stolz, wenn sie herausfinden, dass es den Weihnachtsmann oder das Christkind nicht gibt. Den Eltern wird dagegen der unaufhaltbare Lauf der Zeit wieder bewusst vor Augen geführt. Das Kind wird groß und wieder findet eine besondere Zeit sein Ende. Vielleicht fürchten sie, dass Weihnachten dadurch ein rein materielles Fest werden könnte.

Doch den Zauber von Weihnachten kann man sich auch mit großen Kindern bewahren. Was spricht dagegen schöne Weihnachtsrituale weiter leben zu lassen. In meinem Elternhaus haben wir auch noch mit drei Kindern zwischen 20 und 26 Jahren gemeinsam am Küchentisch gesungen und auf das Christkind gewartet.

Wann muss man die vermeintliche Lüge aufdecken?

Eine Empfehlung dafür kann ich nicht geben, denn jedes Kind bringt eine andere Mischung aus Fantasie und Realismus mit. Wir haben uns dieses Jahr ein Herz gefasst und Emma (zu der Zeit 9 Jahre) gefragt, ob sie diesmal bei Weihnachtsvorbereitungen unterstützen möchte. Vielleicht hätte sie noch eine Idee für den Wunschzettel ihrer kleinen Schwester. Vielleicht könne sie sogar beim Verpacken helfen. 
Und während mein Herz klopfte und ich aufgrund diverser angstschürenden Studien befürchtete, meine große, kluge Tochter könnte in Tränen ausbrechen, kicherte sie nur leise. Sie lobte mich dafür, dass ich mich so vorsichtig zweideutig ausdrücke, denn die kleine Schwester saß mit am Tisch. Sie solle schließlich noch nicht rausfinden, dass es das Christkind nicht wirklich gibt.

Emma wusste bereits im Vorjahr, dass das Christkind nur ein Zauber ist. Sie hat sich bewusst entschieden, sich der Magie noch ein weiteres Jahr hinzugeben.

Ich erinnere mich an ein Gespräch dazu im Sommer 2020. Ich wollte vorsichtig horchen, wie sie die Sache mit dem Christkind sieht. Doch sie hob die Hand. Darüber möchte sie nicht reden! Wir sprachen daher ganz allgemein über Dinge, die nicht greifbar sind, aber an die man trotzdem glauben kann. Liebe, Glück, Vertrauen. Und wir kamen gemeinsam zu der Einsicht, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann, an was er glauben möchte.  
Und so haben wir auch dieses Jahr entschieden, dass sie weiter an das Christkind glauben darf und zwar auf die Art, auf die sie möchte.

 

 

 

Lieblingsgrüße!

 

Weihnachtskugel

P.S.:
Übrigens habe ich einer Sternschnuppe meinem Wunsch von einem zweiten Kind erzählt. Und siehe da. Hat geklappt.

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