Familienmomente

mental load

Immer an alles denken. Immer alles im Griff haben. Immer alles organisiert bekommen.

Ob sich nun das Klopapier dem Ende neigt, Tante Hildegard eine Geburtstagskarte bekommen soll, dem Kleinkind die Hausschuhe nicht mehr passen oder das Schulkind Kopiergeld braucht. Besonders Frauen neigen dazu die unzähligen kleinen Aufgaben an sich zu reißen und zu organisieren.

Auch ich sitze gerade nicht fokussiert an diesem Blogbeitrag, sondern denke daran, dass die Kinder gleich nach Hause kommen und ein Mittagessen brauchen. Die Kleine soll noch in die Badewanne und ich brauche noch ein Rezept für ein Familienfest. Möglichst schnell, denn dann kann ich die Zutaten dafür nachher beim Wocheneinkauf besorgen und auf dem Weg noch das Schreiben für die Tagesbetreuung wegbringen.

Ich führe Listen und Pläne, um das Management im Kopf am Laufen zu halten.

Ich gehe jeden Abend den Plan für den Folgetag durch, bevor ich einschlafen kann. Ich kämpfe mit einer für andere unsichtbaren mentalen Last im Kopf – mental load.

Wurde uns das anerzogen?

Das Modell Familie wurde uns in Kindertagen vorgelebt. Schon damals kümmerte sich Mutter um alles. Arztermine, Kindergeburtstage, Inhalt des Kühlschranks. Schatz, wo ist mein weißes Hemd? Mama, kann ich morgen mit Anna spielen? Schatz, wann fängt noch mal das Training vom Kind an? Mama, ist meine Sporthose sauber? Wann war noch mal das Kindergartenfest? Welches Familienmitglied verträgt keine Milch? Wie ist die Telefonnummer vom Kinderarzt?

Mutter hat auf alles eine Antwort. Während Vater am Sonntag für das Mittagessen zuständig ist. Als gönnerhaftes Entgegenkommen für die Anstrengungen der Woche. Natürlich kocht er, was Mutter empfiehlt und wofür sie vorab die Zutaten besorgt hat. Die Kinder räumen den Tisch ab, wenn Mutter sie nur daran erinnert.

mental load Zeichnung

Liegt es an den Männern?

Wenn heute junge Paare ein Kind bekommen, ist es für frischgebackenen Eltern selbstverständlich:  Die Arbeit wird hälftig geteilt, wir kümmern uns gleichermaßen um unser Kind! Und sie schaffen es sogar. Bis zum Ende der Elternzeit.

Trotz eines wesentlich moderneren Rollenbild hat sich an der Verteilung der mentalen Last leider wenig geändert.

 

„Wenn du was gesagt hättest, hätte ich das doch sofort gemacht!“ ist ein beliebter Satz des Mannes,  wenn die Partnerin entnervt klar macht, dass  der Haushalt auch von zwei Personen erledigt werden könnte. Dabei ist es mitnichten so, dass unsere Partner faule Hunde wären. Im Gegenteil, sie wollen gerne helfen! Aber sie verlassen sich darauf, dass ihnen die zu erledigende Aufgabe zugeteilt wird. Sie empfinden sich als Befehlsempfänger, während wir das gesamte Management aller anfallenen Tätigen übernehmen. Anstatt Aufgaben einfach zu erledigen fragen sie: „Soll ich dem Kind schon mal die Schuhe anziehen?“ und dann geht es weiter „Wo sind denn die Schuhe?“ „Muss das Kind die Socken anlassen?“ „Hätte ich die Hose vorher anziehen müssen?“

Natürlich haben wir die Antwort auf alle Fragen. Und natürlich übernehmen wir diese klitzekleine Aufgabe beim Nächsten mal dann selbst, während wir in Gedanken schon den Kindergartenrucksack packen und das Mittagessen planen. Das geht eh viel schneller.

Sind wir also selber schuld?

In uns murmelt eine stetige Stimme, die uns einredet, dass alles perfekt sein muss, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu genügen. Es exisitiert ein Drang immer einen Plan und (!) einen Plan B für den anstehenden Tag zu haben, der unsere Lieben und uns für alle Eventualitäten wappnet. Diese Aufgabe übernimmt niemand so gut, wie wir selbst, deshalb trauen wir sie ehrlicherweise auch niemand anderem zu.

Das Gedankenkarussel, dass sich bei einer Frau täglich in Bewegung setzt ist enorm. Die Koodinierung der vielen Aufgaben ist die große mentale Last, die der verwirrte Partner nicht sieht. Er wundert sich über den desolaten Zustand seines Gegenübers, muss sie doch nur halbtags arbeiten und verbringt den Nachmittag mit den Kindern. Und schon schwingt in uns der Gedanke mit, man wäre vielleicht einfach nicht belastbar, gar unzureichend für den eigenen Alltag.

Wie wird mein mental load nicht zum mental overload?

Wenn einem die eigene Überlastung durch Beruf, Familie und Freitzeit erst einmal deutlich geworden ist,  sind die Strukturen meist schon so festgefahren, dass ein Entrinnen schwierig wird. Der Weg aus dem mental load braucht Unterstützung und Geduld. Der erste Schritt ist deshalb eine klare Kommunikation. „Ich schaff das nicht, mir wird es zu viel!“ Es ist nicht leicht zuzugeben, dass man seiner (sich selbst auferlegten) Aufgabe nicht gewachsen ist.

Doch deinem Partner liegt dein Wohlergehen am Herzen. Den Ausweg aus dem Mental-Load-Problem findet ihr nur gemeinsam. Legt die täglichen Aufgaben fest und schafft eine klare Verteilung. Putzpläne, Essenspläne, Wochenpläne oder Fahrdienste helfen die Tätigenkeiten festzulegen. Auch größere Kinder können selbstverständlich bei den Aufgaben helfen.

 

 

Gib aber nicht nur die Aufgaben, sondern auch die volle Verantwortung dafür ab und stelle den eigenen Perfektionismus hinten an. Aufgabenteilung bedeutet, dass man hinnehmen muss, dass die Wäsche anders gefaltet wird, dass eine andere Geburtstagskarte gekauft wird als man selbst besorgt hätte und dass die Feuchttücher und Snacks im Wickelrucksack einfach einmal fehlen.

Kennt ihr das Gefühl mentaler Überlastung auch? Gibt es auch Männer unter euch, die dieses Gefühl belastet?

Ich freue mich von euren Erfahrungen zu lesen!

 

Lieblingsgrüße!

4 Comments

  • Luisa

    Gerade gestern noch drüber gesprochen. So ein wertvoller Beitrag! Und ja, ich glaube,dass auch Männer betroffen sind (ich habe hier so ein Exemplar sitzen).

    • Linda M

      Liebe Luisa,

      Ja, das ist meiner Meinung nach ein ganz wichtiges Thema.
      Und definitiv nicht nur für Frauen und erst Recht nicht nur für Mütter (nur kann ich selbst eben am besten aus dieser Perspektive urteilen).

      Man kann einfach nur jedem eine gute, funktionierene Partnerschaft, Familie oder Freunde wünschen, die sich gegenseitig unterstützen.
      Und man muss auch mutig genug sein, sich einfach mal unterstützen zu lassen, ohne dabei immer wieder selbst die Finger im Spiel haben zu wollen 😀

      Lieblingsgrüße!

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